Krankheitsbild des Morbus Gaucher

Morbus Gaucher ist die häufigste der sogenannten lysosomalen Speichererkrankungen. Sie zählt zu den seltenen vererbbaren Fettspeicherkrankheiten und wird durch einen Mangel des lysosomalen Enzyms ß-Glukozerebrosidase verursacht. Enzyme sind spezielle Eiweißstoffe, die Stoffwechselvorgänge im Körper steuern. Das Enzym ß-Glukozerebrosidase ist für den Abbau von zuckerhaltigen Fettstoffen (Glukozerebrosiden) verantwortlich und spaltet diese in Glukose (Zucker) und Zeramid (Fett). Durch einen Mangel dieses Enzyms reichern sich die nicht abgebauten Fettstoffe als Speichersubstanz in den Fresszellen des Körpers (Makrophagen) an. Mit zunehmender Speicherung schwellen die Fresszellen zu dicken „Gaucher-Zellen“, sammeln sich in verschiedenen Organen, vor allem in der Milz, der Leber und im Knochenmark an, und führen dadurch zum charakteristischen klinischen Erscheinungsbild der Krankheit mit Befall des Skelettsystems sowie Blutbildveränderungen. In seltenen Fällen kommt es zu Einlagerungen in Lunge, Haut, Augen, Nieren und Herz. Die Folge sind leichte bis schwere, zum Teil sogar lebensbedrohliche Symptome, die ab der Kindheit bis ins hohe Lebensalter auftreten können. Bleibt die Erkrankung unbehandelt, muß in der Regel mit permanenter Behinderung und verkürzte Lebenserwartung gerechnet werden.

Figure 3 Gaucher (Bildbeschriftung folgt - Uli Kiesswetter)

Typische Muster der Knochenmarksinfiltration mit Gaucher-Zellen. Mehr...

Im Durchschnitt erkrankt eine von 40.000 bis 60.000 Personen in der Gesamtbevölkerung an M. Gaucher. Das sind weniger als 10.000 Menschen weltweit. Allerdings sind in der Ashkenazi-jüdischen und in der türkischen Bevölkerung mit einer von 1.000 Personen relativ betrachtet deutlich mehr Menschen von M. Gaucher betroffen.

Bisher wurde die Krankheit von Gaucher-Spezialisten sehr streng in drei Typen eingeteilt. Diese Einteilung basierte auf dem Zeitpunkt des Krankheitseintritts, den jeweiligen Symptomen, der Mitbeteiligung des Nervensystems und der Lebenserwartung der Patienten. Diese Trennung wird zunehmend verlassen, da es Übergangsformen gibt, die nicht eindeutig einem Typ zuzuordnen sind. Heute unterscheidet man eine neuronopathische und eine nicht-neuronopathische Verlaufsform, d.h. das Auftreten bzw. Fehlen von Nervenschädigungen entscheidet über die Zuordnung zu den beiden Hauptgruppen.

Die alte und die neue Klassifizierung stehen in folgendem Zusammenhang:

1. nicht-neuronopathisch (ehemals Typ 1):
betrifft alle Altersgruppen, kann schwere Symptome verursachen, aber auch so mild verlaufen, dass die Patienten ein normales Leben führen können;

2. neuronopathisch (ehemals Typ 2 bzw. 3):

2a) akute Verlaufsform (ehemals Typ 2): eher selten, betrifft Kleinkinder und verläuft rasch tödlich;

2b) neuronopathisch-chronische Verlaufsform (ehemals Typ 3): tritt in der frühen bis späten Kindheit auf und führt zu einer verkürzten Lebenserwartung.

Geschichte

Philippe Charles Ernest Gaucher

Philippe C. E. Gaucher

Morbus Gaucher wurde nach dem französischen Arzt Philippe Charles Ernest Gaucher benannt, der 1882 zum ersten Mal die Krankheit bei einem Patienten beschrieb, dessen Leber und Milz vergrößert waren. 1924 isolierte der deutsche Arzt H. Lieb aus der Milz von Gaucher Patienten einen speziellen zuckerhaltigen Fettstoff, der 10 Jahre später als Glukozerebrosid identifiziert wurde. Glukozerebrosid ist ein Bestandteil der Zellmembranen von roten und weißen Blutkörperchen.

Der amerikanische Arzt Roscoe O. Brady und seine Mitarbeiter vom National Institute of Health wiesen 1965 nach, dass die Ansammlung von Glukozerebrosid auf einen Mangel des Enzyms ß-Glukozerebrosidase zurückzuführen ist. Dr. Bradys Forschung war die Basis für die Entwicklung einer spezifischen Therapie, die an der eigentlichen Krankheitsursache, dem Enzymmangel, ansetzt.